Hund selbstbelohnendes Verhalten Wenn Bewegung sich selbst belohnt
- Die Menschen-Trainerin für Hunde

- 21. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Über Erregung, Nervensysteme und scheinbar „unerklärliche“ Aussetzer bei Hunden

Viele Hunde zeigen heute ein hohes Maß an Aktivität: Sie rennen viel, springen, sind ständig in Bewegung oder scheinen kaum zur Ruhe zu kommen. Häufig wird dieses Verhalten als Ausdruck von Energie, Freiheit oder guter Auslastung verstanden.
Doch nicht jede Bewegung wirkt regulierend.
Manche Formen von Aktivität erhöhen dauerhaft die innere Spannung – mit Folgen, die auf den ersten Blick nicht immer eindeutig einzuordnen sind.
Selbstbelohnendes Verhalten: Wenn der Körper die Belohnung erzeugt
Viele Hunde reagieren zum Beispiel auf Schnee besonders intensiv, weil er mehrere selbstbelohnende Reize gleichzeitig bietet: Er verändert Gerüche, verstärkt Kontraste und dämpft bekannte Umweltreize, wodurch Bewegung und Erkundung spannender werden. Die ungewohnte Textur, das Knistern und das Aufwirbeln beim Rennen liefern zusätzlich unmittelbares sensorisches Feedback. Bewegung im Schnee wird dadurch hochgradig selbstbelohnend und kann erregungssteigernd wirken – besonders bei bewegungsaffinen Hunden.
Bestimmte Verhaltensweisen führen dazu, dass der Hundekörper selbst Botenstoffe ausschüttet, unter anderem:
Adrenalin
Dopamin
Endorphine
Diese Stoffe erzeugen kurzfristig:
Aktivierung
Wachheit
ein Gefühl von „gutem Funktionieren“
Das Verhalten wird dadurch nicht von außen belohnt, sondern durch seine eigene Wirkung im Körper. Man spricht hier von selbstbelohnendem Verhalten.
Typische Beispiele können sein:
wiederholtes, intensives Rennen
starkes Springen
hektisches Bewegen ohne klare Unterbrechung
ständiges Reagieren auf Umweltreize
dauerhaft hohe körperliche Aktivität ohne echte Pausen
Das Problem dabei ist nicht die Bewegung an sich, sondern die fehlende Regulation danach.
Wenn das Nervensystem dauerhaft unter Spannung steht
Ein Nervensystem ist dafür gemacht, zwischen Aktivierung und Entspannung zu wechseln. Bei manchen Hunden bleibt dieser Wechsel jedoch aus.
Durch häufige, intensive selbstbelohnende Aktivität kann:
der Sympathikus (Stress- und Aktivierungssystem) dauerhaft aktiv bleiben
die parasympathische Gegenregulation (Ruhe, Regeneration) zu kurz kommen
die Grundspannung im Körper stetig ansteigen
Der Hund wirkt dann:
sehr aktiv
ständig „unter Strom“
schwer ansprechbar
unruhig, auch nach Bewegung
Von außen sieht das oft nach „viel Energie“ aus –im Inneren bedeutet es jedoch chronische Übererregung.
Mögliche körperliche Reaktionen auf Überreizung
Wenn ein Nervensystem über längere Zeit nicht zur Ruhe kommt, kann es zu Reaktionen kommen, die beunruhigend wirken, aber nicht zwangsläufig auf eine organische Erkrankung hinweisen müssen.
Dazu können gehören:
Zittern
kurzzeitiger Muskeltonusverlust
Wegknicken oder Umkippen
kurze Phasen reduzierter Ansprechbarkeit
deutliche Erschöpfung nach solchen Episoden
Diese Erscheinungen ähneln teilweise neurologischen Anfällen, können jedoch auch Ausdruck eines funktionellen Zusammenbruchs des Nervensystems sein – gewissermaßen ein Notstopp, wenn Regulation nicht mehr möglich ist.
Wichtig: Solche Symptome gehören immer tiermedizinisch abgeklärt. Bleiben medizinische Befunde jedoch aus, lohnt sich der Blick auf das gesamte Belastungssystem des Hundes.
Warum mehr Bewegung nicht automatisch hilft
Ein häufiger Gedanke ist:
„Der Hund braucht einfach noch mehr Bewegung.“
Bei selbstbelohnendem Verhalten kann das Gegenteil eintreten:
Die Erregungsschwelle sinkt weiter
Der Hund fährt immer schneller hoch
Ruhe wird zunehmend schwerer möglich
Der Hund lernt:
Aktivität fühlt sich gut an – Stillstand nicht.
Damit gerät das Nervensystem in eine Art Dauerschleife.
Freiheit oder fehlende Regulation?
Ein Hund, der ständig in Bewegung ist, wirkt oft frei.Tatsächlich fehlt ihm häufig etwas Entscheidendes: innere Steuerung.
Freiheit bedeutet nicht:
immer rennen zu müssen
ständig reagieren zu müssen
sich nicht stoppen zu können
Freiheit bedeutet:
Wahlmöglichkeiten zu haben
Spannung auf- und abbauen zu können
sich sicher regulieren zu können
Dazu braucht es nicht weniger Verantwortung des Menschen – sondern mehr Orientierung, Struktur und bewusste Entschleunigung.
Fazit
Selbstbelohnendes Verhalten kann kurzfristig gut wirken, belastet aber langfristig das Nervensystem.
Ein dauerhaft übererregter Hund ist nicht ausgelastet, sondern überfordert.
Und ein Körper, der nicht mehr regulieren kann, sucht sich eigene Wege, um zur Pause zu kommen.
Nicht jede Bewegung ist gesund.
Nicht jede Aktivität bedeutet Wohlbefinden.
Manchmal beginnt echte Fürsorge genau dort, wo wir den Mut haben, langsamer zu werden.




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