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Prägung Hund - Wenn es nicht nur an mir liegt – und nicht nur am Hund

  • Autorenbild: Die Menschen-Trainerin für Hunde
    Die Menschen-Trainerin für Hunde
  • 18. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Hochsensibilität, Prägung und die Kunst, Unveränderliches zu akzeptieren



Manchmal glauben wir, wir hätten es verstanden.

Unsere Emotionen.

Unsere Reaktionen.

Den Machtkampf.


Und dann merken wir: Das war nur ein Teil der Geschichte.


In meinem letzten Artikel habe ich über meinen eigenen Anteil gesprochen. Über meine Verstrickung, meine Emotionen, meine innere Anspannung.


Doch diesmal möchte ich eine weitere Ebene öffnen.


Denn es lag nicht nur an mir.

Und es lag auch nicht nur an ihm.

Es lag im Dazwischen.


Auffällig von Anfang an

Dieser Hund war nicht „unauffällig“ und später schwierig.

Er war mit zwölf Wochen deutlich auffällig.


Massiv übererregt.

Extrem reizoffen.

Vor allem im Kontakt mit Menschen – im Haus, im Garten, im Nahbereich.


Ich habe das gesehen.

Ich habe es nicht verdrängt.

Ich habe intensiv daran gearbeitet.


Draussen wurde er erstaunlich schnell führbar.

Regulierbar.

Ansprechbar.


Doch in der Umgebung Haus und Garten blieb dieses hochgefahrene Nervensystem bestehen.


Und irgendwann kam eine schmerzhafte Erkenntnis:

Ein Teil dieser frühen Prägung ist nicht reversibel.


Wenn Prägung bleibt

Traumatische Geburt.

Überkonditionierte Zuchterfahrung.

Ungünstige frühe Reizsetzung.


Ein Nervensystem lernt sehr früh, wie „Welt“ sich anfühlt.

Und manches brennt sich ein.

Ich musste akzeptieren, dass gewisse Muster nicht „wegtrainiert“ werden können.

Dass ich mich auf diesen Hund einstellen muss. Ein Leben lang.

Nicht resigniert. Aber realistisch.


Und genau hier entstand meine Wut.

Nicht auf ihn, manchmal doch. Sondern auf die vermeidbaren Umstände.

Wut darüber, dass diese Belastung nicht hätte sein müssen. Wut darüber, dass ich mit den Folgen leben muss. Wut darüber, dass ein unschuldiges Wesen diese Hypersensibilität trägt.

Doch unter dieser Wut lag – wie so oft – Trauer.


Der eigene Anspruch als unsichtbarer Gegner

Was ich noch schwerer akzeptieren konnte:

Mein eigener Anspruch stand mir im Weg.

Als Trainerin möchte ich Lösungen finden. Veränderung ermöglichen. Entwicklung sichtbar machen.

Und hier gab es einen Bereich, der sich nicht „wegtrainieren“ ließ. Meine Führung, welche draussen perfekt zu funktionieren schien, fruchtete zu Hause und im Garten einfach nicht so, wie ich es mir für unser Zusammenleben wünsch(t)e.


Das war schmerzhaft.

Nicht, weil ich versagt hätte.

Sondern weil ich lernen musste:

Training hat Grenzen. Biologie hat Gewicht. Frühprägung wirkt.


Und Professionalität bedeutet manchmal nicht, etwas zu verändern – sondern etwas anzunehmen.


Wenn Verhalten manipulativ wirkt – aber Überforderung ist

Im Garten zeigte er Verhalten, das sich kontrollierend, fast manipulativ anfühlte. Keine sichtbare Angst. Kein Rückzug. Kein klassisches Stressverhalten.

Und genau das machte es so schwer zu erkennen.

Heute weiss ich: Die Helligkeit. Die Weite. Die visuellen Reize.

Für ein hochsensibles Nervensystem war das zu viel.

Was wie Dominanz wirkte, war Regulation. Was sich wie Macht anfühlte, war Übererregung.


Die Lösung war einfach – die Erkenntnis nicht

Die Lösung war unspektakulär:

Ich gehe im Dunkeln mit ihm in den Garten.

Weniger Reize. Weniger visuelle Überflutung. Mehr Stabilität.

Und plötzlich verschwand der „Machtkampf“.

Rückblickend hätte ich es früher sehen können. Wenn ich neutraler geblieben wäre. Wenn ich nicht innerlich gegen seine Herkunft gekämpft hätte. Wenn mein eigener Anspruch auch das noch hinzubekommen mich nicht zusätzlich unter Druck gesetzt hätte.


Nähe, Liebe und verlorene Objektivität

Selbst Fachpersonen verlieren bei ihren eigenen Hunden die Objektivität.

Weil Liebe Nähe schafft. Und Nähe macht blind für feine Unterschiede.

Wir sehen Vergangenheit statt Gegenwart. Wir sehen Prinzip statt Individuum. Wir sehen Anspruch statt Realität.

Und genau dort geht Neutralität verloren.


Beide tragen ihren Anteil

Ja, meine Emotionen haben die Dynamik verstärkt. Aber ja – dieser Hund bringt reale neurologische Voraussetzungen mit.

Nicht als Schuld. Nicht als Problem. Sondern als Ausgangspunkt.

Er bringt seine Biografie. Sein Nervensystem. Seine Grenzen.

Ich bringe meine Geschichte. Meine Erwartungen. Meinen Anspruch.

Entwicklung entsteht im Dazwischen.


Die eigentliche Lektion

Manches ist nicht heilbar.

Aber vieles ist gestaltbar.

Akzeptanz ist keine Kapitulation.

Sie ist Klarheit.


Und vielleicht ist genau das die reifste Form von Beziehung:


Nicht alles verändern zu wollen.

Sondern zu wissen, wo Veränderung möglich ist –und wo Begleitung genügt.


Ich habe gelernt:

Nicht alles ist menschengemacht.

Nicht alles ist hundegemacht.

Manches ist früh geprägt.

Und manches darf einfach sein.


Und genau darin liegt Wachstum. Für uns beide.


MAHALO

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