

ENTWICKLUNGS-PHASEN HUND
Entwicklungsphasen beim Hund sind keine exakten Kalenderdaten.
Sie sind:
rasseabhängig
individuell variabel
umweltabhängig
hormonell unterschiedlich ausgeprägt
1. Neonatalphase (0–2 Wochen)
Merkmale:
Welpen sind blind und taub
Lernen überwiegend über Tastsinn, Geruch und Temperatur
Starke Abhängigkeit von der Mutter
Lerntheoretisch:
Erste Formen von Habituation (Gewöhnung an wiederkehrende Reize)
Frühe neurologische Entwicklung
Stressarme Umwelt wichtig für spätere Belastbarkeit
Lernen ist noch sehr rudimentär, aber die Basis für das Nervensystem wird gelegt.
2. Übergangsphase (2–3 Wochen)
Merkmale:
Augen und Ohren öffnen sich
Erste Gehversuche
Beginn sozialer Interaktionen
Lerntheoretisch:
Umweltreize werden bewusster wahrgenommen
Erste Verknüpfungen: Reiz → Bedeutung
Die Umwelt bekommt erstmals „Bedeutung“.
3. Sozialisationsphase / Prägephase (ca. 3–12/14 Wochen)
Die wichtigste Lernphase im Hundeleben.
Merkmale:
Intensive soziale Lernprozesse
Kontakt mit Artgenossen, Menschen, Umweltreizen
Hohe Lernbereitschaft, geringe Angstreaktionen (anfangs)
Lerntheoretisch:
Starke Sensitivität für soziale Prägung
Sehr effektive klassische und operante Konditionierung
Ausbildung von Bindung
Gewöhnung an Umwelt (Habituation) oder Sensibilisierung bei schlechten Erfahrungen
Wichtig:
Positive Erfahrungen wirken besonders nachhaltig
Negative Erlebnisse können ebenfalls tief prägen
Hier wird das Fundament für Umwelt- und Sozialverhalten gelegt.
4. Juvenile Phase (ca. 3./4. Monat bis zur Geschlechtsreife)
Je nach Rasse etwa bis zum 6.–12. Monat.
Merkmale:
Zunehmende Selbstständigkeit
Testen von Grenzen
Beginn hormoneller Veränderungen
Lerntheoretisch:
Sehr gute Lernfähigkeit durch operante Konditionierung
Impulskontrolle noch begrenzt
Erste „Vergesslichkeit“ durch Umbauprozesse im Gehirn
Generalisierung von Gelerntem wichtig
Training muss konsequent, aber fair bleiben.
5. Pubertät / Adoleszenz (ca. 6.–18./24. Monat)
Stark rasseabhängig – große Rassen reifen langsamer.
Merkmale:
Hormonelle Umstellung
Erhöhte Reaktivität
Unsicherheiten oder scheinbarer „Rückschritt“
Soziale Neuorientierung
Lerntheoretisch:
Erhöhte Sensibilität für Belohnungssysteme
Frustrationstoleranz oft vermindert
Gelernte Verhaltensweisen werden hinterfragt
Stärkere emotionale Verknüpfungen
Stabilisierung durch klare Regeln und positive Verstärkung besonders wichtig.
6. Soziale Reife / Geistige Reife
Je nach Rasse etwa zwischen:
12–18 Monaten (kleine Rassen)
18–36 Monaten (große Rassen)
Jetzt gilt der Hund als geistig fertig gereift.
Merkmale:
Gefestigte Persönlichkeit
Stabile Impulskontrolle
Ausgereiftes Sozialverhalten
Konstante Lernstrategien
Lerntheoretisch:
Lernen weiterhin lebenslang möglich
Verhalten ist nun stärker durch Erfahrung als durch Entwicklung geprägt
Charakterzüge sind deutlich stabilisiert
ERSTE SENSIBLE ANGSTPHASE
ca. 8.–10. Lebenswoche
Was passiert?
Plötzlich reagiert der Welpe deutlich vorsichtiger oder schreckhafter auf Reize, die vorher kein Problem waren.
Biologischer Hintergrund:
Das Gehirn beginnt, Gefahrenreize stärker zu bewerten. Das dient evolutiv dem Schutz, wenn der Welpe mobiler wird.
Lerntheoretisch wichtig:
Starke emotionale Konditionierung
Negative Erlebnisse werden besonders tief abgespeichert
Ein einzelnes Schreckereignis kann nachhaltig wirken
JUVENILE RÜPELPHASE
ca. 4.–6. Monat
Oft wird diese Phase unterschätzt, weil sie vor der eigentlichen Pubertät liegt.
Typisch:
Grobes Spiel
Anspringen
Grenzen testen
Selektives Hören
Was passiert neurologisch?
Impulskontrolle ist noch unreif
Belohnungssystem sehr aktiv
Frustrationstoleranz gering
Lerntheoretisch:
Verhalten wird stark über operante Verstärkung gesteuert
Unbeabsichtigte Verstärkung (z. B. Aufmerksamkeit) wirkt massiv
Wichtig:
Konsequenz heißt Vorhersagbarkeit, nicht Härte.
ZWEITE ANGSTPHASE
ca. 6.–14. Monat (sehr variabel)
Viele Hundehalter denken hier:
„Mein Hund war doch schon sicher – warum jetzt das?“
Typisch:
Misstrauen gegenüber fremden Menschen
Unsicherheit bei bekannten Umweltreizen
Schreckhaftigkeit
Bellverhalten
Hintergrund:
Hormonelle Umstellung
Umbauprozesse im Gehirn
Neubewertung sozialer und Umweltreize
Lerntheoretisch:
Emotionale Lernprozesse sind extrem stark
Sensibilisierung möglich
Falsche Bestätigung von Angst (z. B. hektisches Trösten) kann Verhalten stabilisieren
Strategie:
Ruhe statt Mitleid
Kontrollierte Reizexposition
Selbstwirksamkeit fördern
PHASE GEGEN ANDERE HUNDE
häufig zwischen 7.–18. Monat
Nicht jeder Hund zeigt das – aber viele.
Typisch:
Pöbeln an der Leine
Statusklären
Fixieren
Aufreiten
Imponierverhalten
Warum?
Soziale Positionierung
Testen der eigenen Kompetenzen
Geschlechtsreife
Hormoneller Einfluss (Testosteron, Östrogen)
Lerntheoretisch:
Stark selbstbelohnendes Verhalten (Erregungsabbau)
Leinenaggression durch Frustration möglich
Klassische Konditionierung: Hund → Erregung
Wichtig:
Hier entscheidet sich oft, ob ein Hund später sozial souverän oder dauerhaft reaktiv wird.
TERRITORIALE PHASE
meist mit Eintritt der Pubertät
Typisch:
Melden bei Geräuschen
Bewachen von Wohnung, Garten oder Bezugsperson
Abwehrverhalten gegenüber Besuch
Warum jetzt?
Soziale Reife beginnt
Hormonelle Aktivierung von Schutz- und Ressourcenverhalten
Wach- und Schutzverhalten werden „freigeschaltet“
Lerntheoretisch:
Bellen wird selbstverstärkend (Reiz verschwindet → Erfolg)
Territorialverhalten kann sich sehr schnell stabilisieren
Jeder „Erfolg“ verstärkt das Verhalten operant
Wichtig:
Frühzeitig kontrollierte Rituale etablieren
Keine eigenständige „Selbstverwaltung“ des Hundes zulassen
ADOLESZENTE NEUORIENTIERUNG
bis ca. 18.–24. Monat (große Rassen länger)
Hier passiert etwas Entscheidendes:
Bindung wird neu geprüft
Außenreize werden wichtiger
Eigenständigkeit nimmt zu
Grenzen werden systematisch getestet
Viele beschreiben es als:
„Er weiß es doch – warum macht er es nicht mehr?“
Antwort:
Weil das Gehirn umbaut.
Bekanntes Verhalten wird emotional neu bewertet.
Fachlich erklärt: Was bedeutet „operante Konditionierung“?
Operante Konditionierung beschreibt einen einfachen Lernmechanismus:
Verhalten, das sich lohnt, wird häufiger gezeigt.
Verhalten, das sich nicht lohnt, verschwindet.
Für Hunde bedeutet das:
Springt der Hund hoch und bekommt Aufmerksamkeit → er springt wieder.
Drängelt er sich durch die Tür und kommt damit durch → er drängelt wieder.
Bleibt er ruhig sitzen und bekommt dafür Zugang oder Lob → er wird häufiger ruhig sitzen.
Der Hund bewertet nicht moralisch.
Er bewertet Erfolg.
Das Gehirn speichert:
„Was bringt mir etwas?“
Und genau deshalb ist Konsequenz im Alltag so entscheidend.
Nicht Strenge formt Verhalten – sondern verlässliche Rückmeldung.